Text der Einführung ©Jutta de Vries
Die Mutter aller Ufer, meine sehr geehrten Herren und Damen, die Mutter aller Ufer ist eine Insel. Zum Beispiel Zypern, drittgrößte Mittelmeerinsel und ganz im Osten gelegen, bietet die unterschiedlichsten Ufersituationen.

Im Süden, dort, wo einst die Mykener vor 3000 Jahren landeten, feiert die Archäologie Triumphe, Aphrodite stieg hier schaumgeboren aus dem Meer, Apollo und Dionysos nahmen hier Wohnsitz bei Theseus, und die Sage von Orpheus ist omnipräsent; hier leben die Menschen wie selbstverständlich mit dem Gestern, der früheren altgriechischen Sprache, die aus Inschriften zu ihnen spricht und ihrer heutigen neugriechischen, zu denen sich aks quasi „Gestriges Heute“ oder „Heutiges Gestern“ die englische Sprachegesellt, die aus der mehr als 100jährigen Protektoratszeit durch die britische Krone bis heute erhalten hat und auch unverzichtbar ist als Brücke der Verständigung mit den vielen Urlaubsgästen aus aller Welt, die an Zyperns Ufer kommen. Hier hat das ungeliebte „Gestern“ ein „übersetzen“ und „über setzen“ ins Heute leichter gemacht.über setzen kann man von der Südküste schnell in den Nahen Osten, in die aktuellen Brandherde der Weltgeschichte – auf ein übersetzen der dortigen Probleme in eine Sprache des Friedens werden wir wohl noch lange warten müssen.

Problematisch ist die Lage am Ostufer. Von Protaras nach Famagusta ist kein Schiff mehr unterwegs, ein übersetzen seit der völkerrechtsverletzenden Invasion durch die Türke seit 1974 unmöglich. DIe fatale Teilungs-Situation lässt an eine Qualität von Gewalt- oder Interessenssprach denken, für die jede humane übersetzungsmöglichkeit zum Wohl aller Bewohner fehlt.

Nach Norden kann man schnell und zügig über setzen, vom besetzten Teil der Insel in die nur 90 Bootsminuten entfernte Türkei. Viele Zyprioten wollen aber nicht über setzen, weil sie ihre genuine zypriotische Heimatsprache nicht in die Sprache der Gewalt übersetzen wollen. Sie brauchen auch gar nicht über zu setzen, sie erleben täglich die Sprache der Gewalt in ihrem besetzten Lebensalltag. Sie sehen kein hoffnungsfrohes Ufer für die Zukunft, kein Pons, kein Langenscheidt existieren als internationale übersetzungshilfen. Auch kleinste „Papierschiffchen“ angebotener Verständigung wie das Einreißen einer Straßenmauer in Nikosia vom griechisch-zypriotischen Teil aus sind bereits gesunken- an dieser Stelle habe ich vorgestern gestanden und die Sand- und Kieshaufen, die Steine gesehen, die schon zum Neuaufbau bereit lagen. Das bittere Zitat von Peter Handtke, das Ute Seifert in ihrer Arbeit zitiert, bestätigt sich hier: „…Morgen wird wieder gestern sein und gestern ist morgen…“

Was hat das nun alles mit dieser Ausstellung zu tun?

Als ich mich in der letzten Woche auf Zypern mit der Vorbereitung auf diese Ausstellung befasste, fand ich, dass es dieser Insel wie auf den Leib geschrieben schien. Es sensibilisiert für alles, was ihr in historischen Verläufen widerfahren ist – vom griechischen Mäandermuster, der ja gestern, heute und morgen und den umgekehrten Weg darstellt und somit die ewigen Kreisläufe symbolisiert, über die harte Realität der gewaltsamen Teilung des Landes bis zur Beobachtung der regen Hafentätigkeit in Limassol, von dessen Ufer die zahllosen Frachter unter Zyperns zollgünstiger Flagge übers Meer setzen und schließlich am Bremerhavener Ufer ihre Ladung löschen.

Und da sind wir angelangt am Weserufer und in der Galerie 149 und in dieser Ausstellung.

„Aufbruch, Unterwegs sein, Ankunft“ ist das Thema, das sich zunächst in einer Stadt am Ufer, an einer Flussmündung ins Meer, ganz real fassen lässt und positive, hoffnungsfrohe Bedeutung haben kann im Sinn von „zu neuen Ufern aufbrechen, etwas Neues lernen, neue Menschen kennen lernen, den Horizont erweitern, sich bereichern“ als auch die Bedeutung von Schmerz und Trauer des Abschiednehmens, von Verlust und Einsamkeit, wie es im Auswanderermuseum hier gleich um die Ecke so eindrücklich dargestellt wird.

Im übertragenen Sinn meinen die Künstler Ute Seifert und Bernd Müller-Pflug in ihrer gemeinsamen Ausstellung auch die Brücke des Dialogs zwischen ihren beiden ganz unterschiedlichen Künstlerpositionen. Durch die vereinbarte interaktive Arbeitsform tauschen sie sich aus, korrespondieren miteinander und nähern sich gemeinsamen Inhalten von den beiden Polen ihrer individuellen künstlerischen Auffassung, Technik und Farbvorstellung. Im Dialog entsteht die Möglichkeit von Reflektion und Reaktion, von Hin und Her, von Ufer zu Ufer im Durchmessen des Kunst-Raums. Alles bleibt im und am Fluss, „Pantha Rhei“, wie die Philosophie der alten Pythagoräer uns seit Jahrtausenden erklärt. Austausch ist daher die vereinbarte Arbeitsform, und das Ergebnis dieses frischen Prozesses können wir hier nun betrachten.

Die paarweise Hängung der Exponate lassen uns den Arbeitsprozess nachvollziehen. Beim Betrachten spüren wir die Spannung, die sich durch die Differenzen schon der Formen, Farben und Sparten aufbaut.

Ganz reduziert und immer sparsamer mit Farbe arbeitet Ute Seifert zwischen Transparenz und der Weiß-Palette. Raumsituationen werden kaum sichtbar verunklärt, Zwischen-Räume bieten im Verein mit den Mauer- und Wandvorsprüngen der Galerie eine Schattenlandschaft von Ufermöglichkeiten; und in der Installation „Schiffdorf“ gibt es die winzige gläserne Barke, die von Ufer zu Ufer über einen zwar schmalen aber unergründlich tiefen Spalt das Gestern mit dem Morgen verbinden könnte – das Prinzip Hoffnung. Der Stapel mit den Leerseiten des Möglichen wartet auf die Chance. Nicht hier, aber am Block quadratischer Acrylglasplatten können Besucher ihre Chance wahrnehmen: Ute Seiferts interaktives Gästebuch verbindet das Gestem mit dem Morgen – alles was heute auf die transparenten Platten geschrieben wird, verbindet sich mit dem gestern zu grafischem Ausdruck und wird auch morgen noch sichtbar sein. Eine weitere Variation des Themas ist die Spiegelung, die Handlungs-Spur, die in der Rückschau des Morgen ganz anders wirkt und sich auswirkt, als sie im Gestern gemeint war. So werden wir gemahnt, unsere Handlungen genau und verantwortungsvoll zu reflektieren. So wird ein hoher philosophischer Anspruch hier im Wortsinn transparent.

Erinnerungsvermögen, Zukunftsvisionen, Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit feiern hier Triumphe, und der größte Triumph ist, dass Gestern und Morgen oder Morgen und Gestern im Raum des Lebens nicht zerfließen, sondern am Ufer des Hier und Heute anlanden. Ute Seifert führt uns achtsame Mitmenschen in kaum wahrnehmbaren Prozessen zu dem von ihr gewünschten „integralen Bewusstsein“ von Raum und Zeit. Die „Böhsen Onkelz“ brechen das ganze auf den simplen Nenner herunter:

„...Ich suche nach den Dingen, die nicht existiern
Ich höre dahin, wo nichts ist, ich will nicht verliern
ich glaub an das, was ich nicht weiß
an den Moment, den freien Flug
denn zuviel ist nicht genug
denn gestern war heute noch morgen
ein neuer Tag, neues Glück...
Leere füllt sich mit Erinnerung...
denn gestern war heute noch morgen... 

Ganz anders und sehr vielschichtig nähert sich Bernd Müller-Pflug den komplexen Sachverhalten, nämlich indem er zeichnerisch dokumentiert, was das Gestern, das Heute, das Morgen ihm an Lebenseindrücken gewährt und gewähren könnte. Zahllose Skizzen manifestieren für ihn die Augenblicke des Lebens, täglich entstehen sie, in unterschiedlicher Anzahl und vielfältigen Techniken – so schreibt er die Welt in unzähligen Momentaufnahmen, in denen Zustände, Gefühle, Begebenheiten oder Träume fixiert werden, um sich Heute und Morgen aus diesem Fundus eines Gestern mit Segmenten für seine Gemälde oder Hinterglasarbeiten zu bedienen. So finden sich in seinen Arbeiten bestimmte Formen, Motive, Symbole wieder und wieder, der Erinnerungspool kann beliebig ausgeschöpft werden. Verarbeitet wird das Material als bildnerisches Vokabular, wie bei einer Sprache umspielt es das formal sicher bestimmte Gerüst der Arbeit im semantischen, Bedeutung gebenden Sinn und steht für die Komplexität eines schwebenden, irritierend kontrahierenden bildnerischen Ausdrucks. Gegensätzlich, ambivalent deshalb, weil es das Schnell Identifizierbare einzelner „Vokabeln“ oder „Kürzel“ auf unterschiedlichsten Bedeutungsebenen in scheinbarer Beziehungslosigkeit verliert und dadurch infrage stellt – der Gegenstand ist wohl benennbar, für die Verknüpfung fehlt jedoch der Code – kurz gesagt, hier muss übersetzt werden, wenn man die Tiefen ausloten will. Von Ufer zu Ufer gelangt aber auch, wer nur die künstlerische Sprache von Farbe und Form der großformatigen Gemälde auf sich wirken lässt. Der großzügig-gestische Pinselduktus spricht für sich, und die Stabilität und tiefe Räumlichkeit der Verschränkungen, Liniengefüge und übereinander gelagerten Schichten unterschiedlicher Konstruktionen gehen mit der Lebendigkeit der Farbklänge eine nicht notwendig zu hinterfragende Harmonie ein.

Spannend ist der Dialog der beiden unterschiedlichen Künstlerpositionen. Im vorderen Raum führt die stille Strenge der einen in einen Aufruhr der Gefühle des anderen. Lineares und Explosives spannen eine farbige Brücke von Idee zu Idee- schreiten Sie einfach hinüber!

Im weiteren Verlauf von Aktion und Reaktion gibt ein Schlüsselloch-Objektchen mit Durchblick zum Roll-Tapeten-Blüten-Paradies Antwort auf einen riesigen Farbvulkan. Im Gang gibt es viel Mosaikartiges zu erschließen, und der letzte Raum schafft mit einer weiteren Ufer-Situartion von Ute Seifert die Rückbindung an den ersten Raum. Hier wird die monochrome Leinwand aber konfrontiert mit Müller-Pflugs speziell entwickelter Technik der Hinterglasmalerei und –Collage, die hier den ganz und gar gegenständlichen, sehnsuchtbesetzten Begriff des Vogelzuges thematisiert. Als Triptichon gestaltet, verstärkt diese Technik in hohem Maße durch ihren distanzierenden Spiegelglanz das Unwirkliche und überhöhende einer Wunschsituation.

Und der Kreis schließt sich mit einer weiteren Facette der übersetzungsidee: Ute Seiferts Bücher mit Braille-Schrift sind das neu zu erreichende Ufer des Lernen und Verstehens, der Teilhabe an Welt für blinde Menschen. So können sie wenigstens virtuell alle Ufer erreichen; in der Vorstellungskraft erhält die Welt Farbe und Form. Voraussetzung ist das Fingerspitzengefühl, und das nicht nur zum Lesen der Braille-Schrift, sondern auf allen Ebenen des Miteinander, des Dialogs, der Toleranz.

Augenzwinkernd gibt Bernd Müller-Pflug uns allen hierzu seine Hinter-Glas-Gummihandschuhe als finalen guten Rat mit auf den Weg zu neuen Ufern – denn ein heiteres Lächeln ist immer die allerbeste Verbindung von Ufer zu Ufer.