Welche Zeit gerade die Zeit ist, sieht man ihr, der Zeit, nicht an. Auch nicht welche Zeit gerade an der Zeit ist. Zeit sieht man überhaupt nichts an, schon gar nicht auf den ersten Blick. Wohl sagen wir "die Zeiten ändern sich". Aber das tun wir vor allem, wenn es um die Zeit um uns herum geht, um die Zeit der Anderen. Betrifft es aber uns selbst, so verneinen wir gern den verwirrenden Plural "Zeiten" und benutzen lieber den beruhigenderen Singular. "Ich habe keine Zeit", oder "ich werde mir Zeit nehmen", heißt es dann. Zeit sieht man nur an etwas anderem, an etwas, das ihr ausgesetzt ist.

Zum Beispiel an uns selbst, wenn wir widerstrebend die Zeit als eine unentrinnbare Methode der Endlichkeit erfahren, womit diese an uns arbeitet. Aber es kommt auch vor, dass wir uns für die Zeit auf den Rücken legen, um uns genüsslich von ihr kraulen zu lassen. Es sind dies die Augenblicke, wo sie nicht als linearer Fluss in Erscheinung tritt, als Strom, der alles zwischen seine beiden Ufer zwängt und mitreißt, sondern als ein breites Meer, eine kreiselnde, vielschichtige Ebene, nur umgeben von einem imaginären, sich immer entfernenden Horizont, umfasst von einer Grenze, die nichts ausschließt, sondern alles vereint. Es ist diese Zeit, wozu Faust sagte " 0 Augenblick verweile", wohl wissend, dass damit die Wette verloren war. Aber das war es ihm wert. Es handelte sich ja um die Zeit der Liebenden, eine Zeit die ihrem Verfließen bekanntlich in der endlosen Ausdehnung zu entkommen sucht, eigentlich zeitlos werden möchte, dauerhaft. Dies im Gegensatz zur Zeit der Geängstigten. Diese bezieht ihre Bedrohung gerade daraus, dass sie dauerhaft erscheint, ungewollt endlos wird.
Es ist dies die Zeit der Einsamen und Verlassenen, die Zeit der Schlaflosen, eine Zeit, die man anfleht, sie möge bald, ja sofort, aufhören.
Zeit, kurzum, ist eine Sache des zweiten Blickes, nicht selten des dritten, vierten oder sogar fünften Blickes. Und immer kommt sie im Gewand des ganz anderen daher.

So kann es passieren, zum Beispiel an einem sonnigen Morgen, kurz nach dem Aufwachen, dass du Zeuge wirst von dir selbst, zuschaust wie du aus einem grenzenlosen Etwas in eine schon vorhandene, auf dich wartende aber fremde Gegenwart hinein komponiert wirst, wie du Form annimmst, deinen gestrigen Namen zurückfindest, ihn akzeptierst oder vielleicht auch nur bloß hinnimmst, um dann mit ihm in den Tag zu gehen, ohne zu bemerken, dass du soeben, wie jeden Morgen, die Zeit erfunden hast.

Da ist dir etwas gelungen, und du darfst dich loben. Du könntest zum Beispiel "Applaudo" rufen, so wie es eine schwarze Figur, eher ein Kopf, in einem der Malerbücher von Bernd Müller‑Pflug tut, Bücher, die hier zusammen mit größeren Arbeiten auf Lein gezeigt werden. Man sieht sie nicht ohne weiteres, diese Kopffigur, man muss sie suchen zwischen den Seiten mit den anderen schattenhaften Figuren die, wie sie zu warten scheinen, irgendwo hinschauen, irgendwo hinhören, ohne aber so recht zu wissen, wozu. Schwebende scheinen sie in einem Meer aus transparenter Farbe, Schwimmende, die nicht wissen ob sie sich dem rettenden Ufer nä­hern oder sich von ihm entfernen. Dieser dunkle Kopf aber schwimmt nicht, sondern spuckt einen Schwall Schwärze aus. Wie ein breiter Strom fließt oder schießt es ihm aus dem Munde, dem Wort "Applaudo" entgegen, das ihm gegenüber auf der anderen Seite des kleinen Blattes steht. Das Bild zeigt Aktion und Reaktion in einem, es zeigt auf kleinstem Raum das Janusgesicht der Zeit. Du tust was, es tut sich was. Und wenn sich etwas tut, tut sich etwas in dir.

Es heißt: so wie man es in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.

Aber wer wollte leugnen, dass im Walde auch immer die Angst da ist, dass dem eigenen Rufen kein Echo mehr entgegenkommt, dass nach dem eigenen Rufen kein "Applaudo" zurück schallt. Dann glaubst du dich rettungslos verloren, außerhalb der Zeit. Es kann dir aber auch passieren, dass nicht du die Zeit findest, sondern die Zeit dich. Sie findet und erfindet dich gleichermaßen, so dass du dich nun nicht wie soeben noch in deinem Namen sammeln und retten kannst, sondern aus diesem sicheren Haus, das dein Name ist, hinaus gestoßen wirst. Unauffällig und leise musst du dich dann auswickeln, mehrfach werden, so dass du dich nicht mehr mit einem Blick überschauen kannst.

Du kommst zum Beispiel an einen Ort, wo du vor langer Zeit als Kind gespielt hast. Du riechst den gleichen Duft des Wassers wie damals als es ebenfalls gerade geregnet hatte. Aber dieser Duft ist nicht mehr derselbe wie damals, als du ihn zum ersten Mal gerochen hast, zum absolut ersten Mal. Du erinnerst dich zwar an den Duft, aber du erinnerst dich an ihn nur als Bild, nicht mehr als Ereignis. Zwischen damals und heute hat sich Zeit abgelagert, hat sich Zeit abgenützt, deine Zeit. Damals hast du dieses erste Mal gerochen als Vorbote einer grenzenlosen Zukunft, du hast nicht nur das Wasser gerochen, sondern du hast auch gerochen, dass es das erste Mal war.

Nun aber stehst du am Ufer und siehst Schiffe vorbeiziehen und weißt nicht, ob es die stählernen Frachter der Gegenwart sind oder die Papierschiffe, die du als Kind gefaltet hast. Du weißt nicht, ob du die Schiffe überhaupt siehst, du verlierst die Orientierung zwischen den Bildern der Gegenwart und denen der Vergangenheit.

Solche ambivalenten Bilder gibt es auch bei Bernd Müller‑Pflug. In den Malerbüchern, schattenhaft im wässrigen Licht oder im Licht des Wassers, wir wissen es nicht, stehen sie, die schweigenden Figuren, mit Booten unter dem Arm, Boote, die zu klein oder zu groß sind für wirkliche Überfahrten. Sie erinnern an Orpheus am Rande des Flusses Styx, der Fluss, der das Reich der Lebenden, das der Zeit, von dem Reich der Toten, das der Zeitlosigkeit, trennt. Er trauert um seine geliebte Eurydike und möchte hinüber zu ihr. Die Figuren auf den Bildern sitzen aber nicht im Boot, sondern sie tragen es, halten es im Arm, scheinen es zu wiegen wie ein kleines Kind. Sie warten in den uferlosen Räumen, schauen zu wie sich die Zeiten stauen, schichten und überlagern und scheinen zu ahnen, dass auch sie, wie die Zeit, eine Erfindung sind.

Alles kann man nicht erfahren. Um etwas zu sehen, muss ich hinschauen, und wer hinschaut, schaut zwangsläufig auch immer weg von dem, wo er gerade nicht hinschaut. Alles auf einmal ist immer zuviel, und so versuchen wir die Dinge zu ordnen, hintereinander zu stellen, überschaubar zu machen und nennen das Zeit.

Letztlich ist jeder Fluss ein Meer, nur hintereinander.

Wenn es nun aber darum geht, all diese Zeiten und die Geschichten, die sie ermöglichen, in Erfahrung zu verwandeln, dann kann es nicht darum gehen, sie zu erklären, sondern nur darum, sie zu zeigen, sich und anderen davon ein Bild zu machen, Eben dies tut Bernd Müller‑Pflug Er macht sich ein Bild von den Dingen und den Menschen und deren Zeiten und trägt damit gleichzeitig zu ihrem Bilde bei. Die feingliedrig aufgebauten Farbschichten auf den Blättern und Leinwänden dokumentieren mit ihren Ablagerungen und Verästelungen, wie der Künstler in mehreren Arbeitsgängen sich dem Bilde nähert, ein Bild das er vorher noch nicht kennt, aber irgendwie im Laufe der Arbeit zu finden hofft. Nicht nur das Bild als Ergebnis wird gezeigt, sondern auch dessen Entstehungsgeschichte wird sichtbar.

Die Bilder von Bernd Müller‑Pflug zeigen nicht nur was sie sind, sondern auch wie sie so geworden sind. Die Malerei verschweigt nicht wie sie entstanden ist, sondern legt Zeugnis davon ab, wie sie sich in der Zeit durch Ablagerungen und Übermalungen konstituiert hat. Staffelungen, Vergitterungen, Reihungen, Totale und Close‑Ups in den Farbschichten vermitteln das Gefühl, sowohl hier als auch dort zu sein, sowohl Vergangenes, Heutiges, als auch Zukünftiges zu sehen. Aktion, Reaktion, "Applaudo". Aber sehr oft, und in den Arbeiten der letzten Jahren zunehmend, kommen einem in diesen komplexen, vielschichtigen Räumen atavistisch anmutende Bildinseln entgegen. Oft sind es Zitate aus einer Zeit, als die Abzüge in den Fotoalben noch wellige Ränder hatten und vergilbten. Diese Zeit ist vorbei, aber nicht verschwunden, verwandelt lebt sie in uns weiter. Und wer sich, wie Bernd Müller‑Pflug in seinen Bildern um den Stand der Dinge kümmert, ihn befragt, sich fragt, welche Rolle die Malerei dabei spielen kann, wenn es darum geht, sich von ihm ein Bild zu machen, der kann nicht schweigen von jenen Zeiten innerhalb der Zeit, der muss reden, in diesem Falle zeigen, was sich erst dem zweiten, dritten, vierten oder fünften Blick offenbart.

Da gibt es zum Beispiel, ebenfalls gut versteckt, oder vielleicht sollte ich sagen beschützt, in einem der Bücher das Bild eines Leuchtschiffes, das in einem wunderbar gelben, sehr leeren Raum liegt. Es ist ein gemalter Raum, wolkig und vielschichtig wie die meisten Räume auf den Bildern von Bernd Müller‑Pflug . Und in diesem Raum nun liegt das kleine Leuchtschiff, das nicht gemalt ist sondern gedruckt, von einem Foto durchgedruckt. Es ist das Foto von einem Schiff, das es so heute, in der Zeit der Satellitennavigation, nicht mehr gibt. Es ist ein Zitat quer durch die Zeiten, ein Zitat, das sich in die gemalte, leicht bedrohliche Gegenwart des gelben Raums hinein frisst und so das Unvereinbare der Zeiten im Bilde versöhnt.

Die Versöhnung des Unvereinbaren, vielleicht ist auch das Zeit.

Und so stehen sie da, die Figuren in den Bildern, abwesend und anwesend auf einmal. Anonyme, isolierte Figuren, oft nur Köpfe, Statisten in einem entleerten aber keinesfalls leeren Raum, konfrontiert mit ihren eigenen Geheimnissen, die sie und wir nur erahnen können. Sie stehen in der Nähe von Schlitten, Häusern oder Nestern, und immer liegt über allem eine Atmosphäre des Wartens und Lauschens.

Das Warten und Lauschen ist sowieso eine Grundgebärde in den Bildern von Bernd Müller‑Pflug. Der Stuhl, der Tisch, der Vogelkäfig, das Haus, das Boot, der Schlitten; sie alle scheinen zu ahnen, dass noch etwas kommt. Und wenn in den Bildern zunächst keine Figurationen zu erkennen sind, sondern die Malerei sich konzentriert auf die Erschaffung von Raum und Gegenraum, erzeugen Raster, Staffelungen, Reihungen und Farbschichten eine Präsenz, die Raum und Zeit umfasst, ohne dieser zu verfallen.

In dem Vorwort zu einem 1995 erschienenen Katalog mit Arbeiten von Bernd Müller‑Pflug zitiert der Autor Rainer B. Schoßig den Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin wie folgt: "Unsere leibliche Organisation ist die Form, unter der wir alles Körperliche auffassen."

Schoßig verwendet das Zitat, um darauf hinzuweisen, dass die Malerei von Bernd Müller‑Pflug nicht nur körperlichen Raum darstellt, sondern dem Körper und dessen Raum entstammt. Ähnliches, so kann an dieser Stelle ergänzt werden, lässt sich auch von der Zeit sagen. Auch sie wird sowohl in ihrem Entstehen als auch in ihrer Rezeption vom Körper bedingt, und das Bild von ihr wird immer auch ein Bild vom Körper oder mehr noch, ein körperliches Bild sein. Es wurde bereits gesagt: Die Zeit ist auch eine Methode der Unendlichkeit, womit diese an unserem Körper arbeitet. Wir sehen sie nicht, können uns aber ein Bild von ihr und damit von uns machen, so wie es Bernd Müller‑Pflug tut. Seine Bilder legen Zeugnis davon ab, dass das Schweigen der Dinge nicht zwangsläufig unsere Sprachlosigkeit zur Folge haben muss. So sei es denn. Zeige es. Sage es. Ja, spucke es heraus.