Meine Damen und Herren, auch ich möchte Sie ganz herzlich heute Morgen zur Ausstellung von Bernd Müller-Pflug begrüßen. Flow lautet der Titel der Ausstellung. Flow – das bedeutet fließen, strömen, in Bewegung sein. Im weitesten Sinne hat der Titel auch, so Bernd Müller-Pflug selbst, mit Reisen zu tun. Jede Ortsveränderung bringt auch eine Standpunktveränderung mit sich. Ich komme, nachdem ich eine Reise unternommen habe, verändert zurück. Mein Blick ist ein anderer. Reisen ist im doppelten Sinne zu verstehen. Es geht auch um ein Aus-sich-heraustreten, um den Vorgang des Entpuppens, um das von einem Zustand in den anderen gehen... In seinen großformatigen Acrylarbeiten beschäftigt sich Bernd Müller-Pflug mit eben diesem Thema. Der Künstler arbeitet hier figurativ, doch der Grad der Abstraktion ist besonders hoch. Wir können Menschen erkennen. Mal treten sie allein auf, dann wieder paarweise oder auch in Gruppen. Müller-Pflug deutet mehr an, als dass er ausformuliert. Er hält die Figuren nicht fest, sondern lässt sie im Bildraum in Bewegung. Nur selten wirken sie statisch, unbewegt.

Sie überlagern sich, verschmelzen miteinander, sie trennen sich, sie treten aus sich heraus, werden zu etwas Neuem, lassen Altes hinter sich. Dynamisch stellt Bernd Müller-Pflug die Transformationsprozesse, das Fließen und Strömen, die Zustandsveränderungen dar.

Die Figuren haben sich dabei der Malerei, dem gestischen Akt des Malens unterzuordnen. Malen bedeutet für den Künstler, eine spezifische Form zu denken. Malen veranlasst mich dazu, so Müller-Pflug selbst, den Standpunkt zu verändern, Vertrautes aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen. Jedes Bild ist eine Reise. Da wären wir wieder beim Thema: Flow = im weitesten Sinne Reisen. Wie sieht denn nun eine solche Reise bei Bernd Müller-Pflug konkret aus? Wie müssen wir uns seine Arbeitsweise vorstellen? Am Anfang eines jeden Bildes gibt es eine Idee, die dann jedoch mit dem, was am Ende die Komposition ausmacht, nichts mehr zu tun haben muss. Malen gestaltet sich bei ihm als ein Dialog mit der Leinwand. Wichtig ist für den Künstler, immer wieder das aufzugeben, was er anfangs im Kopf hatte – das Nichtgelingen zu akzeptieren. Entscheidend ist, das Scheitern während des Malprozesses als etwas Positives zu betrachten. Flexibilität ist gefragt. Wenn Dinge, die man sich ausgedacht hat, nicht funktionieren, so konstatiert er mir gegenüber in unserem Gespräch, kommt etwas Neues – ich möchte unterwegs sein. Bernd Müller-Pflug betrachtet Malerei als ein Experimentierfeld. Schablonen, Stempel, sogar Musterrollen, wie sie Maler beim Anstrich verwenden, kommen bei ihm zum Einsatz. Schnell wird deutlich, dass Strukturen in seinem Werk eine wichtige Rolle spielen. So wird der Abdruck einer Luftpolsterfolie zu einer eingesprengten Bildsequenz. Partien im Bildraum wirken wie hineincollagiert. Die emotionale gestische Malerei wird durch strenge rhythmische Aspekte gebrochen. Bernd Müller-Pflug schafft so Reibungsmomente, an denen unser Auge bei seiner Reise durch das Bild verharrt. Ihm gelingt es, durch das Wechselspiel Spannung innerhalb der Gesamtkomposition aufzubauen. Müller-Pflug greift für seine großformatigen Acrylarbeiten zumeist zu gebrochenen Farbtöne mit einem hohen Weißanteil, obwohl auch ein leuchtendes Rot, ein Orange oder auch ein Pink zu seiner Farbpalette zählen.

In unserem Gespräch gestand mir Bernd Müller-Pflug, der übrigens seit 1983 als Dozent an der Fachhochschule Ottersberg arbeitet und seit 1996 dort eine Professur innehat, dass in seiner Brust, was die Malerei angeht, mindestens zwei Herzen schlagen.

Die Ausstellung führt eindruckvoll die zwei ganz unterschiedlichen Bildsprachen Bernd Müller-Pflugs vor Augen. Ihm ist es wichtig, die Möglichkeiten der Gestaltungsformen voll auszuschöpfen. Es gibt Dinge, so der Künstler selbst, die kann ich in dem einen Bereich besser zum Ausdruck bringen als in dem anderen.

Flow, das bedeutet in Bewegung sein: Auch Bernd Müller-Pflug ist in Bewegung, auch er gleitet von einer Sprache in die andere. Die Sprache, die uns nun im Folgenden interessiert, ist die Hinterglasmalerei. Die Farben werden bei dieser Technik auf die Rückseite einer Glastafel aufgetragen. Anders als beim Glasgemälde wirkt die Malerei nur im auffallenden, nicht im durchscheinenden Licht. Sie wird also durch die Glasscheibe hindurch gesehen. Der Künstler ist demnach gezwungen, spiegelverkehrt zu arbeiten.

Die Anfänge der Hinterglasmalerei lassen sich bin in die späthellenistische Zeit zurückverfolgen. Die ältesten erhaltenen Hinterglasbilder des Mittelalters stammen aus dem 14. Jahrhundert. Ihre große Zeit erlebte die Hinterglasmalerei dann im 15., 16. und 17. Jahrhundert in Deutschland, Italien, Spanien und den Niederlanden. Im 18. Jahrhundert ebbte dann das Interesse an dieser Technik ab. Erst durch die Volkskunst fand seit Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Mittel-, Süd-, und Osteuropas eine Wiederbelebung statt. Dabei handelte es sich zumeist um eine ausgeprägte bäuerlich-handwerkliche Kultur, in der nahezu ausschließlich religiöse Motive Verwendung fanden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten dann die Künstler der Neuen Künstlervereinigung München und des Blauen Reiters die volkstümlichen Hinterglasbilder und ließen sich von ihnen anregen. Sie begannen selbst in dieser Technik zu arbeiten und malten zunächst nach den historischen Vorbildern, bald jedoch auch nach ganz eigenen, freien Entwürfen.

Kommen wir zurück zu Bernd Müller-Pflug. Er entwickelt eine ganz neue, eine moderne Form der Hinterglasmalerei, die sich einer rein abstrakten Formsprache verschrieben hat. Anklänge an Gegenständlichkeit sind hier nicht mehr vorhanden. Was ist jedoch, wenn wir vor seine Werke treten, um sie eingehend zu betrachten? Durch den Spiegeleffekt schiebt sich eine Figur ins Bild: Wir selbst werden zu einem Teil, zu einem figurativen Aspekt der abstrakten Bildkomposition. Bernd Müller-Pflug verzichtet normalerweise darauf, seinen Werken Titel zu geben. Eine Ausnahme stellt das Bild Damaskus dar. Zu diesem wurde er durch eine Reise in den Orient inspiriert. Es geht also wieder einmal um das Reisen. Bei meinem Atelierbesuch zeigte er mir Fotos, die auf den Märkten dort entstanden sind: Bilder von Stoffballen und orientalischen Pantoffeln. Eine Welt aus leuchtenden Farben, die nahezu zu explodieren scheinen. Farbe dicht an dicht.

Schon Paul Klee war, als er 1914 gemeinsam mit August Macke und dem Schweizer Louis Moilliet nach Tunis reiste, begeistert von der Farbwelt, die sich ihm unter dem Licht der afrikanischen Sonne bot. Er empfand diese Reise als einen Durchbruch in seiner Malerei. In sein Tagebuch notierte er: Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiss das. Das ist der glücklichsten Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler. Diese Reise ist immer wieder beschrieben und als Sternstunde der Menschheit bezeichnet worden. Klee arbeitete in seinen Aquarellen sehr kleinteilig mit zarten Farbübergängen und legte die einzelnen Farben übereinander. Durch wenige gegenstandsbezogene Zusätze werden aus einem Netz rein geometrischer Formen Landschaftsbilder. Wieder zu Haus in München griff er auf die afrikanische Motivwelt zurück und führte das Gesehene in die Abstraktion. Die bunten Impressionen der orientalischen Märkte regten auch Bernd Müller-Pflug zu farbintensiven abstrakten Werken an, die einer strengen Tektonik gehorchen. Als eine Art Einsprengsel fügt er malerische Sequenzen hinzu, die den strengen Bildaufbau durchbrechen. Die Farbe scheint auszubrechen, sich ihren eigenen Weg zu suchen. Die Vorgehensweise ist konträr zu den figurativen Arbeiten. Dort irritierten tektonische Elemente den freien malerischen Gestus, hier werden der strengen Tektonik malerische Einheiten entgegengesetzt. Leerer Raum trifft auf gefüllten Raum. Bernd Müller-Pflug kennt nicht den Horror vacui, die Scheu vor der Leere, die den Künstler dazu drängt, die Bildfläche vollkommen mit Figuren, Gegenständen oder Formen zu füllen. Auch hier gelingt es ihm, Spannung im Bild aufzubauen. Eigenartige Räume entstehen. Bernd Müller-Pflug interessiert das Verwirrspiel mit dem Betrachter. Unmöglich ist es, den Bildraum logisch zu ordnen. Mal scheint die eine Farbfläche oben, dann wieder unten zu liegen. Alles scheint im Fluss, sich von einem Zustand in den anderen zu bewegen. Da wären wir wieder beim Titel: Flow – strömen, fließen, sich in Bewegung setzen, im weitesten Sinne auch Reisen.

Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen nun eine spannende, eine anregende Reise durch die Bildwelten von Bernd Müller-Pflug.